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Das künstliche Hüftgelenk

Das künstliche Hüftgelenk - auch Implantat oder Hüftendoprothese – genannt, hat grundsätzlich zwei Aufgaben: Erstens soll es die Schmerzen mindern und zweitens eine möglichst uneingeschränkte Funktion ermöglichen.

Prof. Müller and Prof. Charnley

Im Bild links sehen wir die beiden Väter der modernen Hüftendoprothetik, Professor Sir Charnly und Professor Maurice E. Müller aus Bern. Im Zeitpunkt der Bildaufnahme gelang der grosse Durchbruch mit der Einführung der sogenannten „Low friction Arthroplasty“, was zu Deutsch soviel heisst wie: „Künstliches Gelenk mit wenig Reibung“.

Ein Metallkopf lief damals auf einer Kunststoffpfanne (Polyethylen), was mit relativ kleiner Reibung möglich war und somit nicht allzuviel Abrieb bewirkte.

Doch muss ganz klar festgestellt werden, dass zu diesem Zeitpunkt die Linderung der Schmerzen absolut im Vordergrund stand. Der Eingriff selbst war mit solch enormen Risiken belastet, dass er nur durchgeführt wurde, wenn die Schmerzen kaum mehr ertragbar waren.

Allerdings haben wohl einige erlebt, dass Arthroseschmerzen so massiv sein können, dass das Leben nicht mehr lebenswert erscheint und man deshalb bereit ist, jedes Risiko einzugehen, nur damit der Schmerz irgendwie erträglicher wird. So gab es eine Vielzahl von heroischen Eingriffen, die einzig mit dem Ziel der Schmerzreduktion durchgeführt wurden (inkl Amputation eines ganzen Beines).

zementierte Charnly Hüftprothese

Das erste Hüftgelenk von Sir Charnly (Bild links) war deshalb eine unglaubliche Verbesserung, wurden doch die Schmerzen im Anschluss an einen Gelenksersatz meist erträglich. Falls es dann sogar möglich war, einige Schritte zu gehen, grenzte dies an ein Wunder. Allerdings waren diese Gelenke sicher nicht geeignet für schwere körperliche, geschweige denn sportliche Aktivitäten!

Doch das Hauptproblem, nämlich die Bekämpfung der unerträglichen Schmerzen, wurde dadurch weitgehend gelöst. Selbstverständlich spielte die Erhaltung von Sehnen und Muskeln zu dieser Zeit eine untergeordnete Rolle, wurde doch eine vollständige Funktion des Gelenkes schon gar nicht erst erwartet. Bei diesen Eingriffen wurden Sehnen denn auch immer abgelöst oder durchtrennt und Muskeln teilweise völlig ignoriert. Dies ist in der heute angewandten, modernen minimalen Hüftchirurgie völlig anders; siehe hierzu auch unter MicroHip.

Ausgelockerte zementierte Hüftprothese

Worin lagen die Hauptprobleme dieser Gelenke? Davon gab es hauptsächlich zwei: Erstens waren die Gelenke nicht sehr stabil und renkten somit häufig aus (Luxation), und zweitens war deren Lebensdauer deutlich eingeschränkt - je nach Belastung waren sie bereits nach wenigen Jahren abgenutzt und ausgelockert. Der Mechanismuss der Auslockerung kennt sicher mehrere Ursachen, doch zwei Probleme stehen hierbei im Vordergrund.

Abrieb und Zement

Polyethylenpartikel umgeben von Entzündungs-Zellen

Durch das ständige Reiben des Gelenkkopfes wird Kunstoff von der relativ weichen Pfanne abgerieben. Zuerst relativ langsam, dann – sobald die Oberflächen nicht mehr perfekt aufeinander passen - immer schneller. Dieser Kunstoffabrieb (Polyethylenabrieb) ist biologisch aktiv und führt zu einer lokalen Entzündung. Diese greift das umliegende Gewebe an und zerstört es mit der Zeit. Somit wird der Knochen „angefressen“, es entstehen zum Teil riesige Löcher und das künstliche Gelenk verliert seinen Halt, womit erneut zum Teil massive Schmerzen auftreten.

Zement (Methametylcrylat) ist nicht nur totes Material, sondern auch äusserst spröde und somit brüchig. Zusätzlich tritt schon beim Aushärten des Zements eine erhebliche Wärmeentwicklung auf, zum Teil über 80°, was schon ein initales Absterben von biologischem Material bewirkt. Mit den Jahren kriegt der Zement Risse und bricht irgendwann vollständig. Addieren sich hierzu die vom Polyethylenabrieb ausgelösten Entzündungsmechanismen verläuft die Auslockerung noch viel schneller.

Wieso gibt es nun jedoch Arbeiten, wie zum Beispiel Callaghan et al 2000 (auch Kavanagh, Wroblewski, Older, etc), die zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Reoperation eines zementierten Gelenks nach 25 Jahren bloss bei 77% liegt?

aktiver Läufer mit 74 Jahren

Die Antwort hierzu ist ganz einfach: Die Patienten, die vor 25 Jahren operiert wurden, waren zu diesem Zeitpunkt bereits relativ alt, das heisst meist älter als 70-jährig. Zudem haben sie sich infolge der massiven Beschwerden schon vor dem Eingriff kaum mehr aktiv bewegen können, was den Bewegungsanspruch nach der Operation nochmals reduziert hat. Somit wurden die implantierten Gelenke nur wenig belastet und wenig abgenützt. Die allermeisten dieser Patienten waren bei der Nachkontrolle nach 25 Jahren schon seit Jahren im Altersheim, ob sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch gehen konnten, wurde gar nicht erst geprüft. In den Arbeiten wurde einzig der Umstand, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht nochmals an der Hüfte operiert wurden, registriert. Aus diesem Grund sind die meisten dieser Zementstudien völlig wertlos und können denn auch nicht auf die heutige Situation angewandt werden.

Der Aktivitäts-grad der Hüftpatienten nimmt laufend zu ...

Betrachtet man die Resultate von zementierten Schäften und Kunststoffpfannen bei jungen, aktiven Patienten, so sind diese massiv schlechter und betragen zum Teil nicht mal 10 Jahre! Wieso das?

Ganz einfach, junge Patienten und zum Teil auch „heutige“ ältere Patienten sind viel aktiver als frühere Generationen! Bereits 1998 publizierte der Amerikaner Tom Schmalzried im JBJS, dass der durchschnittliche Patient, der in San Franzisko eine Hüftprothese kriegt, pro Jahr ca. 1 Million Belastungen (Schritte) durchführt. Im Jahre 2002, das heisst lediglich 4 Jahre später, publizierte dieselbe Gruppe, dass die Patienten im Schnitt bereits 2 Millionen Belastungen durchführen – das Doppelte nach nur 4 Jahren. Aktive Patienten machen heute sogar bereits 4-5 Mio. Belastungen im Jahr! Weshalb ist dies so entscheidend?

Schritte pro Tag von Hüftpatienten 1998

Ursprüngliche Kunststoff-Hüftpfannen wurden ausgelegt für ca. 10 Mio. Belastungen. Führt ein Patient somit jährlich 1 Mio. Schritte durch, so kann davon ausgegangen werden, dass die Kunststoffpfanne ca. 10 Jahre hält. Führt nun jemand 2 Mio. Schritte/Jahr durch, so reduziert sich die Haltedauer auf 5 Jahre, bei noch mehr Belastungen nimmt die Dauer noch weiter ab. Obwohl wohl auch der Kunststoff etwas verbessert wurde, ist eine Kunststoffpfanne schlicht nicht geeignet für aktive, junge Patienten, wurde sie doch schon gar nie für diese Belastungen entwickelt.

Ganz anders sieht es bei sogenannten „Hart auf Hart-Paarungen“ aus. Darunter versteht man Hüftgelenke, bei welchen sowohl der Kopf wie auch die Pfanne aus einem harten Material bestehen: Keramik auf Keramik, Metall auf Metall oder sogar Keramik auf Metall. Diese Gelenke produzieren so wenig Abrieb, dass sie nicht einmal nach 10 Jahren Belastung den wöchentlich erzeugten Abrieb von Polyethylen-Gelenken erreichen!

Wie alles, sind aber auch diese Gelenke nicht von jeglichen Problemen befreit. Metall auf Metall führt ganz selten mal zu Allergien (<1 auf 10'000 Patienten), Keramik auf Keramik kann als sprödes, amorthes Material grundsätzlich brechen. Auch dies ist sehr selten, falls es jedoch geschieht, so ist dies katastrophal. Deshalb wird heute zunehmend Keramik auf Metall verwendet, was die Vorteile kombiniert und die Risiken, insbesondere bezüglich eines Keramikbruchs, deutlich reduziert.

Mit einem entsprechend zusammengesetzten Gelenk kann dann auch weitgehend uneingeschränkt Sport getrieben werden, ohne dass sich der Patient um die Anzahl seiner Schritte sorgen muss.

Biologische / zementfreie Fixation

Bei der zementfreien Fixation wächst der Knochen direkt ans Implantat (Hydroxiapatitbeschichtung)

Bei der Fixation eines künstlichen Gelenkes mit Zement handelt es sich - wie hiervor dargelegt - um eine Fixation mit totem Material (ähnlich wie Araldit-Kleber). Diese birgt zudem weitere Risiken, gelangt doch beim Zementieren immer etwas Zement in die Blutbahn, was zu Lungenembolien unterschiedlichsten Ausmasses führen kann.

Einwachsende Knochenbälkchen (Trabekel)

Mechanisch gesehen unterliegt alles tote Materiel einem Ermüdungsprozess und bricht früher oder später, womit sich das Gelenk denn auch lockert.

Beim sogenannt zementfreien Gelenk wächst der Knochen direkt an das Implantat, womit eine biologische Fixation entsteht, die sich über die Jahre den Belastungen anpassen kann und sich selbst - wie alle anderen Knochen auch - regelmässig erneuert. Der bei totem Zement festgestellte Alterungsprozess findet nicht statt. So kann ein Röntgenbild eines unzementierten Implantats nach 20 Jahren noch nahezu gleich aussehen wie kurz nach der Operation.

Nach 18 Jahren ohne Veränderung

Wie ein zementiertes Hüftgelenk schon nach 10 Jahren aussehen kann, sieht man in der folgenden Abbildung. Man beachte, dass die linke Seite des Knochens neben dem künstlichen Gelenk schon weitgehend weggefressen ist!

Osteointegrierte Prothese; li histologischer Schnitt, re: Rx

Vorausgesetzt der Knochen weist eine genügende Tragfähigkeit auf, ist die biologische Integration einer Prothese der Fixation mit Zement klar überlegen. Wichtig ist jedoch, dass auch der Patient weiss, dass der „Knochen Zeit braucht“, um richtig einzuwachsen. Deshalb sollte das neue Gelenk in den ersten 6 Wochen nur mit Vernunft belastet werden!

Dann viel Spass am neuen Gelenk!

...aber bitte erst nach 6 Wochen